Wie Ihre Webseite barrierefrei wird

Körperlich und/ oder geistig behinderte Menschen müssen in der Lage sein, das Internet zu verwenden. Dieses Faktum stelle ich an den Beginn. Begründen kann man es auf diverse Arten, von denen zwei im gegebenen Kontext wohl am meisten zum Tragen kommen: Aus menschlich-idealistischer Sicht haben Behinderte, ebenso wie jeder andere Mensch auch, das Recht auf Information. Aus rein wirtschaftlicher Sicht sind sie, ebenso wie jeder andere Konsument auch, kaufkräftig. Und wollte man polemisieren, könnte man sagen: Warum sollten wir als Gesellschaft real verwendbare, öffentliche Orte behindertengerecht gestalten, das Internet als virtuellen, öffentlichen Ort hingegen nicht?

Die Logik ist einleuchtend – dennoch wurde erst im Jahr 2002 die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BITV) verabschiedet. Ein Zeitpunkt, an welchem bereits weit mehr als 500 Millionen Menschen weltweit das Internet nutzen.

Heute gilt die aktualisierte Version der Verordnung vom 12. September 2011, welche strenge Richtlinien für die Barrierefreiheit von Webseiten vorgibt. Wohlgemerkt: Die BITV 2.0 gilt für alle Internetauftritte und mittels Informationstechnik realisierte grafische Programmoberflächen, die öffentlich zugänglich sind. Dies schließt auch Intranets ein, sofern es für die Nutzung eines behinderten Mitarbeiters vorgesehen ist.

Mit positivem Beispiel geht – so sollte es sein – ein Internetauftritt unter Leitung des Bundesamtes für Arbeit und Soziales voran, die Plattform “Einfach Teilhaben”, auf welche unter “Informationen für Betroffene und Interessierte” (siehe unten) näher eingegangen wird.

 

Screenshot Plattform "einfach teilhaben"

 

Direkt in der Top Navigation kann der Nutzer zwischen Standard-, Gebärden- und einer Version in leichter Sprache auswählen. Die Version in leichter Sprache ist dabei auf geistig Behinderte und Legastheniker ausgerichtet, hier ist die Sprache sehr einfach und die Sätze kurz gehalten.

 

Screenshot Deutscher Bundestag Version "leichte Sprache"

 

So sehen bei “Einfach Teilhaben” die Kontrast- und die Gebärdenversion aus:

Screenshots Kontrastansicht und Gebärdensprache

Nur wenige Unternehmen haben bisher Wert auf die Umsetzung der Barrierefreiheit gelegt. Viele der großen Online-Shops, Informationswebseiten, Blogs usw. bieten entweder keinerlei behindertengerechte Optimierung an oder verweisen lediglich auf eine nicht ausreichende reine Textversion. In der Tat enthält die BITV ein breites Spektrum von Regularien, die die Verwendung von Webseiten für behinderte Nutzer deutlich erleichtern – wenn sie denn umgesetzt werden. Natürlich bedeutet die Erstellung und Betreuung einer zweiten Webseitenversion viel Arbeit und stellt einen großen Zeitaufwand dar, doch sollten die eingangs genannten Gründe bereits ausreichen, um Ihnen die enorme Wichtigkeit solcher Maßnahmen ans Herz zu legen.

Die Verordnung über die Barrierefreiheit im Internet beschreibt vier Prinzipien, welche die Grundlagen einer barrierefreien Webseite darstellen und im Folgenden auszugsweise behandelt werden.

Prinzip 1: Wahrnehmbarkeit

“Die Informationen und Komponenten der Benutzerschnittstelle sind so darzustellen, dass sie von den Nutzerinnen und Nutzern wahrgenommen werden können.” (Anlage 1 BITV)

Dieses Prinzip gilt sowohl für Text- als auch für Video- oder Ton-Inhalte. Die wichtigsten Richtlinien lauten:

Für Texte gilt:

    • Text-Alternativen für Nicht-Text-Inhalte sollen den Zweck der Nicht-Text-Inhalte erfüllen (ausgenommen sind u.a. rein dekorative Elemente und Kontrollelemente)
    • alle Informationen, Strukturen und Beziehungen, die durch das Layout/ die Präsentation vermittelt werden, sollen durch Programme (z.B. Screenreader) erkennbar oder als Text verfügbar sein
    • falls die Reihenfolge der Inhalte entscheidend ist, soll diese durch Programme erkennbar sein
    • bei Text oder Schriftgrafiken soll das Kontrastverhältnis zwischen Vorder- und Hintergrundfarbe mindestens 4,5 zu 1, bei Großschrift mindestens 3 zu 1 betragen (ausgenommen sind reine Dekorationselemente, Texte oder Schriften im Logo, nebensächliche Texte und solche, die nicht für den Nutzer sichtbar sind)
    • der Text soll sich ohne assistive Technologie auf mindestens 200% vergrößern lassen, ohne dass Funktionalität oder Inhalt verlustig gehen
    • die Zeilenbreite soll nicht mehr als 80 Zeichen betragen
    • kein Blocksatz
    • der Zeilenabstand innerhalb von Abschnitten soll 1,5 betragen, zwischen Abschnitten mehr
    • Abschnitte sollen eigene Überschriften tragen
    • die Sprache soll klar und einfach sein; bei schwierigen Texten soll eine zusätzliche, visuelle Unterstützung durch Audio- oder visuelle Präsentation erfolgen
    • es soll Mechanismen zur Erläuterung von Worten, die aus Dialekten, einem Fachjargon o.Ä. stammen, ungebräuchlich oder Abkürzungen sind, geben

Für Video, Audio und Ton gilt:

    • aufgezeichnete Audio-Inhalte von synchronisierten Medien sollen erweiterte Untertitel (Captions) enthalten
    • für selbige soll es eine Volltext-Alternative geben
    • für vorab aufgezeichnete Audio-Inhalte in synchronisierten Medien sollen Übersetzungen in die deutsche Gebärdensprache sowie Audio-Deskriptionen (Beschreibungen der Handlung über die Tonspur hinaus) verfügbar sein
    • Hintergrundgeräusche sollen nicht vorhanden oder abschaltbar sein
    • bei Live-Übertragungen synchronisierter Medien sollen alle Audio-Inhalte mit erweiterten Untertiteln (Captions) verfügbar sein
    • Töne, die automatisch länger als 3 Sekunden abgespielt werden, sollen unterbrochen oder abgeschalten werden können oder es soll eine Möglichkeit vorhanden sein, die Lautstärke unabhängig von der Systemlautstärke zu regeln

Für Gebärdensprache gilt insbesondere:

  • der Hintergrund, vor welchem der Gebärden-Dolmetscher zu sehen ist, soll statisch sein und nicht die Farben weiß oder schwarz besitzen
  • die Kleidung des Gebärden-Dolmetschers soll dunkel und einfarbig sein sowie einen großen Kontrast zu seinen Händen darstellen
  • Mimik und Mundbild sollen sehr gut sichtbar sein
  • auf dem Körper, insbesondere dem Gesicht und den Händen des Gebärden-Dolemtschers sollen keine Schatten oder sonstige Störfaktoren liegen
  • das Video mit der Übersetzung in die Gebärdensprache soll mit dem offiziellen Logo der Deutschen Gebärdensprache gekennzeichnet sein

Prinzip 2: Bedienbarkeit

“Die Komponenten der Benutzerschnittstelle und die Navigation müssen bedient werden können.” (Anlage 1 BITV)

Zur Bedienbarkeit einer Webseite gehören im Wesentlichen Orientierungs- und Navigationshilfen sowie Hilfen zum Auffinden von Inhalten. Diese sollen vorhanden und leicht verständlich sein, z.B. durch eine einstellbare Größe, einstellbaren Kontrast oder einstellbare Hintergrundfarbe. Zudem muss jede Funktion der Webseite mit Hilfe der Tastatur bedienbar sein, wobei der Tastaturfokus ständig sichtbar sein soll.

Informationen, welche blinken, sich bewegen oder scrollen und die zudem

  1. automatisch einsetzen,
  2. länger als 5 Sekunden andauern und
  3. gleichzeitig mit anderen Inhalten präsentiert werden,

sollen zum Schutz vor epileptischen Anfällen entweder beendet, angehalten oder ausgeblendet werden können. Eine Ausnahme besteht, wenn die Bewegung der Information wesentlich für eine Aktivität ist. Ebenfalls zur Vorbeugung von epileptischen Anfällen darf eine Webseite kein Element enthalten, welches innerhalb von 1 Sekunde mehr als 3 aufblitzt.

Für Zeitbegrenzungen gilt:

  • es sollen keine Zeitvorgaben oder -begrenzungen für bestimmte Tastenanschläge gegeben sein
  • Zeitbegrenzungen sollen allgemein auschaltbar sein, bevor die Zeit abläuft, oder innerhalb der 10fachen Zeit der Standard-Einstellung verändert werden können
  • Alternativ zu eben genanntem Punkt kann eine Vorwarnung erfolgen, dass die Zeit abläuft, woraufhin der Nutzer mindestens 20 Sekunden Zeit haben soll, die Dauer durch eine einfache Aktion zu verlängern – diese Möglichkeit soll der Nutzer mindestens 10 Mal haben

Die Richtlinien für Zeitbegrenzungen gelten nicht, wenn sie notwendiger Bestandteil eines Echtzeit-Ereignisses sind und es keine Alternative zu ihnen gibt. Ein Beispiel hierfür wären Auktionsplattformen wie eBay.

Prinzip 3: Verständlichkeit

“Die Informationen und die Bedienung der Benutzerschnittstelle müssen verständlich sein.” (Anlage 1 BITV).

Zu diesem Prinzip gehören im wesentlichen vier wichtige Punkte:

  • die vorherrschende verwendete Sprache soll durch Programme erkennbar sein
  • die Reihenfolge von Navigationselementen soll sich von Seite zu Seite des Internetauftritts nicht ändern
  • Elemente mit einheitlicher Funktionalität sollen auch einheitlich bezeichnet werden
  • auf notwendige Eingaben sollen Hinweise oder Label aufmerksam machen

Prinzip 4: Robustheit

“Inhalte müssen so robust sein, dass sie von möglichst allen Benutzer-Agenten, einschließlich assistiver Technologien, zuverlässig interpretiert werden können.” (Anlage 1 BITV)

Assistive Technologien wie Screenreader, welche den Text einer Webseite als Audio-Inhalt ausgeben können, sollen also nicht behindert werden. Dazu gehört auch, dass auf die Verwendung von Frames zur Darstellung von Inhalten, wenn möglich, verzichtet werden sollte, da diese assistive Programme behindern können. Auch Hintergrundgrafiken, die über das CSS eingebunden sind, sollten besser ins HTML eingebunden werden, da sie andernfalls Probleme im Kontrastmodus verursachen. Ebenfalls sollen keine Informationen ausschließlich über eine Farbe vermittelt werden und es soll eine Alternative zu CAPTCHA-Codes angeboten werden.

Beachten Sie bitte zusätzlich bei der Verwendung von Markup-Sprachen wie HTML:

  • Start- und End-Tags sollen vollständig sein
  • sie sollen entsprechend ihrer Spezifikationen verschachtelt sein
  • doppelte Attribute sollten vermieden werden
  • alle Elemente einer Markup-Sprache sollen eindeutige IDs enthalten

Beachten Sie alle vier Prinzipien, unterstützen Sie nicht nur behinderte Menschen und gehen mit einem guten Beispiel voran, sondern Sie erschließen auch eine völlig neue Zielgruppe für Ihre Inhalte und Produkte, welche sich aufgrund der positiven Erfahrungen mit Ihrer Webseite als sehr loyal herausstellen könnte.

Informationen für Betroffene und Interessierte

Jeder kann plötzlich durch einen Schicksalsschlag behindert sein. Daher ist es wichtig, den Horizont auch für solche Fragen zu öffnen, selbst, wenn diese Sie selbst nicht direkt betreffen.

Hurraki ist ein Online-Wörterbuch in leichter Sprache und unterstützt somit geistig behinderte Menschen und Legastheniker in der Nutzung des Internets. Wer es nicht selbst verwenden möchte, kann sich engagieren, indem er Artikel in leichter Sprache verfasst.

Screenshot Wörterbuch für leichte Sprache

Das Portal Einfach Teilhaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bietet behinderten Menschen, deren Angehörigen und Institutionen die Möglichkeit, sich auszutauschen und Informationen rund um die Themen Barrierefreiheit und Behinderung zu gewinnen. Die Seite enthält diverse Funktionen zur Verbesserung der Leserlichkeit (u.a. Einstellung von Kontrast und Darstellung), eine Gebärdensprach- und eine Version in leichter Sprache. Natürlich kann die Webseite parallel dazu in Standard-Sprache gelesen werden. Unter diesem Link ist darüber hinaus ein “BITV-Lotse” verfügbar, welcher die Richtlinien der Verordnung zur Barrierefreiheit klar und strukturiert darstellt und Hinweise zur richtigen Optimierung gibt.


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