Die 8 Pfeiler der Innovation bei Google

Wie gelingt es einem Unternehmen wie Google, rasant zu wachsen und dennoch innovativ zu bleiben? Susan Wojcicki, Senior Vice President of Advertising, spricht mit uns über die Prozesse und Abläufe, die nötig sind, um das Unternehmen immer weiter voran zu treiben.

Die größten Innovationen sind die, die wir als Selbstverständlichkeit erachten, wie die Glühbirne, der Kühlschrank oder Penizillin. Doch in einer Welt, in der sich das anfangs Rätselhafte sehr schnell in Normalität verwandelt – wie gelingt es da einem Unternehmen, vor allem einem so großen Unternehmen wie Google, seine Innovationsfreude Jahr für Jahr aufrecht zu erhalten?

Der Schlüssel ist, eine Kultur zu pflegen, die Innovationen ermöglicht. Während wir auf über 26 000 Mitarbeiter in mehr als 60 Standorten angewachsen sind, haben wir immer hart daran gearbeitet, den unverwechselbaren Geist von Google aufrecht zu erhalten, der uns schon ausmachte, als wir gerade den sechzehnten Mitarbeiter eingestellt hatten.

Damals war ich Marketingleiterin (nunja, eine von ihnen). Im Laufe der Zeit habe ich glücklicher Weise an vielen verschiedenen Produkten mitwirken dürfen. Einige waren große Erfolge, andere nicht. Obwohl sich in den vergangenen Jahren viel verändert hat, glaube ich, dass unser Bekenntnis zu Innovation und Risiko immer Bestand hatte.

Was heute anders ist, ist vor allem die Tatsache, dass wir selbst bei träumerischen Zukunftsphantasien mit dem klassischen Dilemma einer jeden Innovation konfrontiert werden: Sollen wir in neue Produkte investieren oder die bereits Vorhandenen verbessern? Wir tun mit Überzeugung beides und lernen dazu. Hier sind acht Grundpfeiler der Innovation, die wir auf unserem Weg verinnerlicht haben:

 

Folgen Sie einer wirklich wichtigen Aufgabe

Arbeit kann mehr sein als nur Mittel zum Zweck – nämlich dann, wenn man an etwas arbeitet, für das man sich begeistert. Die Mission von Google ist es, die Informationen der ganzen Welt zu organisieren und sie universell erschließbar und nutzbar zu machen. Diesen einfachen Leitspruch nutzen wir, um all unsere Entscheidungen an ihm zu bemessen. Wenn wir in ein neues Arbeitsfeld vordringen, ist der Auslöser dafür oft, dass wir ein wichtiges Problem erkennen, welches bisher noch nicht gelöst wurde und wir uns sicher sind, dass Technologie hier einen Unterschied machen kann. Gmail beispielsweise wurde erschaffen, um das Bedürfnis nach mehr Webmail-Funktionen, einer besseren Suche und mehr Speicherplatz zu befriedigen.

Unsere Mission hat das Potential, viele Menschen zu bewegen. So stellen wir sicher, dass all unsere Mitarbeiter sich damit verbunden fühlen und bestrebt sind, mit uns dieses Ziel zu erreichen. In Krisenzeiten haben sie einen wertvollen Beitrag geleistet, indem sie lebensrettende Informationen zusammengetragen und rechtzeitig verfügbar gemacht haben. Gerade die Googler, die unser Person Finder Tool […] innerhalb von nur zwei Stunden nach dem Erdbeben und Tsunami in Japan […] veröffentlicht haben, sind ein wundervolles Beispiel für unser Bekenntnis zur Innovation.

 

Denken Sie groß, aber fangen Sie klein an

Egal, wie ehrgeizig auch der Plan sein möge, er beginnt damit, die Ärmel hoch zu krempeln und an irgendeinem Punkt anzufangen. Google Books – ein Dienst, der die Inhalte von Millionen von Büchern online brachte – war die lang gehegte Idee unseres Gründers Larry Page. Viele dachten, diese Idee wäre zu verrückt, um sie auch nur annähernd in die Tat umzusetzen. Doch er ging los, kaufte einen Scanner und schloss ihn in seinem Büro an. Er begann, seitenweise Bücher einzuscannen, maß die Zeit, die er dafür benötigte, und stellte fest: Es ist möglich, alle Bücher der Welt online zu bringen. Heute beinhaltet der Index unserer Büchersuche mehr als 10 Millionen Bücher.

Ähnlich war es mit AdSense, ein Dienst, der kontextuelle Werbung für Webseiten zur Verfügung stellt. Alles begann damit, dass ein Ingenieur Werbung in Gmail einband. Wir wurden uns gewahr, dass wir mit modernerer Technologie noch mehr erreichen könnten, wenn wir diesem kleinen Projekt mehr Ressourcen widmeten. Heute erreicht AdSense 80% der weltweiten Internetnutzer, ist das größte Werbe-Netzwerk der Welt – und wir arbeiten mit hunderttausenden Publishern in der ganzen Welt zusammen.

 

Streben Sie nach kontinuierlicher Innovation, nicht nach sofortiger Perfektion

Was das Beste daran ist, am und mit dem Internet zu arbeiten? Wir haben immer wieder die Chance, etwas zu verändern. Die erste Version von AdWords, ausgerollt im Jahr 1999, war nicht besonders erfolgreich – fast niemand klickte auf die Werbung. Viele wissen das aber gar nicht mehr, weil wir immer weiter an dem Projekt gearbeitet und schließlich das funktionierende Modell von heute erreicht haben. Und wir verbessern es noch weiter; jedes Jahr führen wir zehntausende von Experimenten zur Feststellung der Qualität von Suche und Werbung durch, so dass wir im vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend neue Formate veröffentlicht haben. Es gibt Produkte, die wir jeden Tag ein Stück verbessern.

Dieser sich wiederholende Prozess lehrt uns immer wieder die wertvollsten Lektionen. Nutzer “in freier Wildbahn” zu beobachten, wenn sie gerade unser Produkt verwenden, ist der beste Weg, um herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Auf diesem Feedback können wir aufbauen. Es ist wesentlich besser, diese Lektionen früh zu lernen und handlungsfähig zu sein, als zu lange Zeit den falschen Weg zu beschreiten.

Sich wiederholende Prozesse haben uns einen großen Dienst erwiesen. Wir waren nicht die Ersten mit einer Suchmaschine, doch wir waren fortschrittlich, weil wir schnell gearbeitet haben, schnell gelernt und unser Vorgehen sich stets auf Daten gründete.

 

Ideen gibt es überall

Als Vice President of Advertising bin ich offen für Ideen aus jeder Richtung: von unseren Partnern, von Werbekunden und von jedem aus unserem Team. Genauso möchte ich an den Flurgesprächen unserer Mitarbeiter teilnehmen.

Vor einigen Jahren nahmen wir dies sehr wörtlich und hingen ein Ideenbrett an die Wand unseres Hauptsitzes in Mountain View. An einem Freitag Abend begab sich ein Ingenieur zu diesem Ideenbrett und schrieb die Details eines komplizierten Problems auf, das wir zu dieser Zeit mit unserem Werbesystem hatten. Eine Gruppe von Googlern ohne große Pläne für diesen Freitag Abend begann damit, den Algorithmus innerhalb von nur wenigen Stunden neu zu schreiben – am darauf folgenden Dienstag hatten sie das Problem gelöst.

Einige der besten Ideen entstehen bei Google auf diese Weise – wenn kleine Gruppen von Googlern an einem wahllosen Nachmittag eine Pause nehmen und beginnen, sich über Dinge auszutauschen, die sie wirklich beschäftigen. Das Google Art Project, das tausende von Museumsstücken online brachte, und erfolgreiche AdWords-Funktionen wie automatische Regeln sind großartige Beispiele für Projekte, die in unseren “Teeküchen” ihren Anfang nahmen. Deshalb ist bei uns immer gewährleistet, dass wir zu jeder Zeit mit jeder Menge Snacks ausgestattet sind.

 

Teilen Sie alles

Unsere Mitarbeiter wissen sehr genau, was gerade alles im Unternehmen geschieht und warum wir bestimmte Entscheidungen treffen. Nach jedem Quartal teilen wir den aktuellen Stand mit all unseren 26 000 Mitarbeitern, die so die gleichen Informationen erhalten wie unsere Geschäftsführer in einem internationalen Meeting. Dadurch, dass wir alles teilen, regen wir Diskussion, Austausch und Neu-Interpretation bekannter Ideen an. Dies kann uns zu unerwarteten und innovativen Ergebnissen führen. Wir versuchen, dieses Vorgehen zu kultivieren, indem wir in kleinen Gruppen in “Open Cube”-Anordnung arbeiten, statt jedem Mitarbeiter sein eigenes kleines Büro zu geben.

Wenn jemand eine Idee hat oder Input für eine Entscheidung benötigt, kann er einfach aufblicken und die Person ansprechen, die gerade zufällig neben ihm sitzt. Vielleicht hat der Nachbar ja etwas beizutragen. Die Idee der Sprachübersetzung in Google Talk, unserem Gmail Chat-Klienten, entstand aus einer Unterhaltung zwischen dem Talk-Team und dem Translate-Team, als beide zufällig neben einander arbeiteten.

 

Entzünden Sie das Feuer mit Vorstellungskraft und befeueren es mit Daten

Unser sich schnell entwickelnder Markt macht es den Menschen schwer, zu wissen was sie eigentlich wollen – oder es sich auch nur vorzustellen. Deswegen stellen wir Menschen ein, die daran glauben, dass das Unmögliche wahr werden kann. Ein Beispiel hierfür ist Sebastian Thrun, der gemeinsam mit seinem Team an fahrerlosen Autos arbeitet, um die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren. Diese Autos, die sich noch in der Entwicklungsphase befinden, haben bereits 140 000 Meilen über San Francisco´s berühmte, kurvige Lombard Street, die Golden Gate Bridge und den Pacific Coast Highway zurückgelegt, ohne von einem Menschen gesteuert worden zu sein.

Wir versuchen, diese Art von “ins Blaue hinein denken” mit unserem “20 percent time”-Konzept zu unterstützen – einem kompletten Arbeitstag, an dem die Ingenieure arbeiten können, woran sie möchten. Wenn wir auf unsere Veröffentlichungen in den letzten sechs Monaten zurückblicken, stellen wir fest, dass viele dieser Produkte in “20 percent time” entstanden sind.

Was mit Intuition beginnt, wird durch Daten angefacht. Wenn man Glück hat, ermöglicht ein Einblick in einen Datensatz einen anderen und so weiter. Für eine Weile wurden in der Google Suche immer genau zehn Ergebnisse angezeigt – einfach nur, weil unsere Gründer dachten, es wäre die beste Anzahl. Irgendwann starteten wir eine Umfrage und wollten von Nutzern wissen: “Würden Sie zehn, 20 oder 30 Suchergebnisse bevorzugen?” Sie sagten einstimmig “30”. Doch in einem tatsächlichen Nutzerexperiment stellten wir dann fest, dass zehn Suchergebnisse die häufigste Präferenz waren, weil dann die Seite schneller geladen war. Es stellte sich heraus, dass eine Seite mit 30 Suchergebnissen 20% langsamer lud als eine Seite mit zehn Suchergebnissen. Und die Ladegeschwindigkeit war es, auf die Nutzer besonderen Wert legten. Das ist das Wunderbare an Daten – sie können entweder die eigene Intuition bestätigen oder zeigen, dass sie komplett falsch war.

 

Seien Sie eine Plattform

Es gibt so viele Ehrfurcht gebietende Innovationen, die von Menschen auf der ganzen Welt entwickelt werden. Deshalb glauben wir so stark an die Macht offener Technologien. Sie ermöglichen es jedem, überall, seine einzigartigen Fähigkeiten, Ansichten und Leidenschaften auszuleben, indem er neue Produkte und Funktionen mit Hilfe unserer Plattformen erschafft. Diese Offenheit hilft, jeden der Beteiligten voran zu bringen. Google Earth zum Beispiel ermöglicht es Entwicklern, so genannte “Layer” über unsere Karten zu legen und sie mit der Welt zu teilen. Ein Entwickler erstellte einen “Layer”, der Animationen von Echtzeit-Sensoren nutzte, um zu zeigen, was passieren könnte, wenn der Meeresspiegel von einem auf 100 Meter ansteigen würde.

Eine anderes berühmtes Beispiel für offene Technologien ist unser mobiles Betriebssystem Android. Im Moment sind mehr als 310 Geräte auf dem Markt, die mit Android laufen, und es gibt fast eine halbe Million Android-Entwickler außerhalb von Google, die gern unsere umfangreichen Ressourcen nutzen. Diese unabhängigen Entwickler haben die meisten der rund 200 000 Apps im Android App-Store geschaffen.

 

Haben Sie keine Angst, zu versagen

Google ist bekannt für YouTube, nicht für den Google Video Player. Die Sache ist die: Nutzer erinnern eher die großen Erfolge als die Fehlschläge. Es ist vollkommen in Ordnung, einen Fehler zu machen, solange man aus ihm lernt und ihn schnell korrigiert. Vertrauen Sie mir, wir haben viele Male versagt. Zu wissen, dass es in Ordnung ist, auch mal daneben zu greifen, kann einen von der Angst, Risiken einzugehen, befreien. Und die Technologie-Branche ist so dynamisch, dass der Moment, in dem man sich entschließt, keine Risiken mehr einzugehen, der Moment ist, in dem man von den anderen überholt wird.

Zwei der ersten Projekte, an denen ich bei Google gearbeitet habe – AdSense und Google Answers – waren unbekanntes Gebiet für das Unternehmen. Während AdSense langsam zu einem Multi-Milliarden-Dollar-Business wurde, stellte man Google Answers (ein Dienst, bei dem Nutzer Fragen stellen und einen Experten für seine Antwort bezahlen konnten) nach vier Jahren ein. Wir haben in dieser Zeit viel gelernt und waren in der Lage, diese Erkenntnisse bei zukünftigen Produkten zu nutzen. Wären wir zu ängstlich gewesen, weil wir vielleicht hätten versagen können, hätten wir Google Answers oder AdSense niemals entwickelt und eine riesige Chance verpasst.

Unsere wachsende Belegschaft kommt aus der ganzen Welt zu uns und bringt überwältigend viele verschiedenen Erfahrungen und Hintergründe mit sich. Eine Sammlung starker gemeinsamer Prinzipien macht es uns möglich, als eine Einheit zu arbeiten und gemeinsam voran zu schreiten. Wir müssen nur weiterhin “Ja!” sagen und der Kultur der Neinsager widerstehen, die Unvermeidbarkeit von Fehlern akzeptieren und unsere Prozesse wiederholen, bis sie optimal ihren Zweck erfüllen.

Wie auf unserer [englischen] Webseite steht: “I´m feeling lucky.” [Entsprechung des deutschen “Auf gut Glück”-Buttons in der Google Suche; Anm. d. Red.] Das ist genau, wie ich mich jeden Tag fühle, wenn ich zur Arbeit gehe, und niemals als Selbstverständlichkeit erachten werde.

 

Übersetzt aus dem Englischen. Quelle hier.


» Fehler in strukturierten Daten finden mit den Google Webmaster Tools
» Mehr Performance-Daten: AdSense Publisher Scorecard